Kinderfrühstück: Kakao besser für die Zähne als Wasser?

Gemeinsame Studie von TU Dortmund und Universität Witten/Herdecke provoziert

  • Untersuchung entspricht den Testreihen der „Aktion Zahnfreundlich“
  • „Zuckerfreier Vormittag“ an Schulen verfehlt Ziel
Kinderfrühstück: Kakao besser für die Zähne als Wasser?
Kinderfrühstück: Kakao besser für die Zähne als Wasser?

Zucker ist schlecht für die Zähne – darüber waren sich Eltern, Lehrer, Ernährungswissenschaftler und Zahnmediziner bislang einig. Deshalb wird an immer mehr Schulen ausschließlich Milch angeboten – in Hessen wurden zuckerhaltige Getränke auf Initiative einer engagierten Zahnärztin sogar verbannt („zuckerfreier Vormittag“).Professoren der TU Dortmund und der Universität Witten/Herdecke haben die Auswirkung eines Frühstücks mit Kakao untersucht – und kommen zu einem provozierenden Ergebnis: Ein Frühstück mit Kakao schadet den Zähnen weniger als ein Frühstück mit Wasser.

Der Freispruch für den Kakao kommt nicht von irgendwem: Professor Dr. Stefan Zimmer, der die Auswirkung des Frühstücks auf die Zahngesundheit untersucht hat, ist Leiter der Abteilung für Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin an der Universität Witten/Herdecke und zugleich Erster Vorsitzender der „Aktion Zahnfreundlich“ – also der Organisation, die auch das begehrte Qualitätssiegel „Zahnmännchen“ für zuckerfreie Lebensmittel vergibt. Er wandte die selbe Untersuchungsmethode an, die sonst zuckerfreie Kaugummis, Bonbons und andere Produkte über sich ergehen lassen müssen, bevor sie mit dem Zahnmännchen-Logo werben dürfen: Probanden verzehrten ein standardisiertes Frühstück – belegte Brote, ein Apfel – mal kombiniert mit Kakao, mal mit Mineralwasser. Eine telemetrische Sonde im Mund misst dabei simultan die Entwicklung des pH-Werts im Mund. Resultat: Das Kakao-Frühstück schadet den Zähnen weniger als das Frühstück mit Wasser. Wissenschaftlich formuliert: Innerhalb des Gesamtfrühstücks führt der Kakao zu einer niedrigeren bakteriell bedingten Säurebelastung als das Vergleichsfrühstück mit Mineralwasser. Welche Bestandteile der Milch – Eiweiß, Calzium oder Milchfett – die Kohlehydrate umhüllt und somit das Frühstück zahnfreundlicher macht, soll Gegenstand weiterer Forschungen werden.

Fest steht: Der „zuckerfreie Vormittag“, der insbesondere in Hessen nicht nur den Kakao, sondern auch die Schulmilch insgesamt aus den Schulen verdrängt hat, erscheint im Hinblick auf die Zahngesundheit, aber vor allem im Hinblick auf die Lebenswirklichkeit der Schüler, wenig sinnvoll. Schon heute gehen rund 40% der Kinder ohne jedes Frühstück zur Schule – und das wirkt sich messbar auf die Konzentrationsfähigkeit aus.

Professor Dr. Günter Eissing, der sich seit Jahren mit den Anforderungen an ein gesundes Schulfrühstück beschäftigt, hält den Schul-Kakao aus ernährungsphysiologischer Sicht für eine sinnvolle Ergänzung zum von den Eltern vorbereiteten vollwertigen Frühstück zuhause. Entscheidend sei nämlich nicht der Zuckergehalt der einzelnen Nahrungsmittel, sondern der glykämische Index. Eissing konnte in der Testreihe „Ernährung und geistige Leistungsfähigkeit“ eindeutig nachweisen: Schulmilchkinder schlagen Nicht-Schulmilchkinder auch in der 4. Schulstunde noch um Längen. Nicht trotz, sondern gerade wegen des Milchzuckers, der in Kombination mit dem Milchfett die ideale Denkernahrung ist. Weil sie dafür sorgt, dass der Blutzuckerspiegel nicht schnell ansteigt und dann wieder abfällt, sondern über längere Zeit hochgehalten wird. Und diesen positiven Effekt sieht Eissing beim Kakao sogar noch verstärkt.

Aus rein zahnmedizinischer Sicht besser gar nichts essen

Bekommt der Schulkakao künftig ein „Zahnmännchen“? Eindeutig nein. Wie jedes Lebensmittel, das Kohlehydrate enthält, bietet auch der Kakao einen Nährboden für Kariesbakterien. „Aus rein zahnmedizinischer Sicht ist es natürlich besser, wenn der Mensch ganz auf Nahrung verzichtet“ scherzte Prof. Dr. Zimmer um zu betonen:Die meisten Studien finden unter Bedingungen statt, die an der Lebenswirklichkeit vorbeigehen. Hier werden Dinge isoliert betrachtet und analysiert – anstelle des Gesamtbildes.